Glücksspiel bei jungen Erwachsenen: Warum die Unter-35-Jährigen häufiger spielen

Eine Zahl, die mich seit Monaten beschäftigt: 67% der Deutschen unter 35 Jahren haben bis Ende 2024 mindestens einmal an Glücksspiel teilgenommen. Noch 2023 lag dieser Wert bei 46% – ein Anstieg von über 20 Prozentpunkten innerhalb eines Jahres. Das ist keine graduelle Entwicklung, das ist ein Strukturwandel. Die Generation, die mit Smartphones und Instant-Payment-Apps aufgewachsen ist, hat Glücksspiel als digitale Unterhaltungsform entdeckt – mit allen Chancen und Risiken, die das mit sich bringt. Die GGL hat diese Entwicklung erkannt und betonte in einer offiziellen Pressemitteilung, dass faktenbasierte Entscheidungen und eine evidenzgeleitete gesellschaftliche Debatte zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Glücksspielsuchtprävention seien. Was hinter den Zahlen steckt und was sie für den Spielerschutz bedeuten, verdient einen genaueren Blick.
Aktuelle Zahlen: 67% der Unter-35-Jährigen spielen
Der Anstieg von 46% auf 67% innerhalb eines Jahres hat mehrere Treiber. Der offensichtlichste: die Legalisierung und Regulierung des Online-Glücksspiels durch den Glücksspielstaatsvertrag 2021. Was vorher in einer rechtlichen Grauzone stattfand, ist heute ein regulierter Markt mit lizenzierten Anbietern und legaler Werbung. Die GGL hat die Infrastruktur geschaffen, die es jungen Erwachsenen ermöglicht, legal und sichtbar am Glücksspiel teilzunehmen – und die Sichtbarkeit ist ein wesentlicher Faktor.
Denn junge Erwachsene werden im Alltag deutlich häufiger mit Glücksspielwerbung konfrontiert als ältere Generationen. Sportwetten-Werbung in Podcast-Sponsorings, Casino-Banner auf Streaming-Plattformen, Influencer-Kooperationen in sozialen Medien – die Marketingkanäle, über die Glücksspielanbieter ihre Zielgruppe erreichen, sind genau die Kanäle, die von 18- bis 35-Jährigen am intensivsten genutzt werden. Die Regulierung hat die Werbung legalisiert, was den regulierten Markt stärkt, aber gleichzeitig die Exposition junger Menschen gegenüber Glücksspielinhalten dramatisch erhöht hat.
Ein wichtiger Kontext: Der Anstieg der Teilnahmequote bedeutet nicht automatisch einen Anstieg des problematischen Spielverhaltens. Die Mehrheit der jungen Erwachsenen, die gelegentlich eine Sportwette platzieren oder bei einem Online-Slot mitspielen, tun dies im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten und ohne negative Konsequenzen. Was die Zahlen aber zeigen: Der Pool der potenziell gefährdeten Spieler ist größer geworden. Wenn zwei Drittel einer Altersgruppe am Glücksspiel teilnehmen, steigt auch die absolute Zahl derjenigen, die Probleme entwickeln, selbst wenn der prozentuale Anteil der Problemspieler konstant bleibt. Die Frage ist, wie groß der Anteil ist, der die Kontrolle verliert – und hier fehlen belastbare Langzeitdaten für den deutschen regulierten Markt.
Ursachen: Digitalisierung, Werbung und mobile Verfügbarkeit
Drei Faktoren treiben den Anstieg, und sie verstärken sich gegenseitig. Erstens: die mobile Verfügbarkeit. Ein GGL-lizenziertes Casino ist auf dem Smartphone genauso zugänglich wie Instagram oder TikTok. Es gibt keine physische Schwelle, keinen Dresscode, keine Öffnungszeiten. Die Barriere zwischen „kein Spieler“ und „aktiver Spieler“ liegt bei einer App-Installation und einer Sofort-Einzahlung – ein Prozess, der in fünf Minuten abgeschlossen ist. Um drei Uhr morgens, in der Mittagspause, in der U-Bahn – das Casino ist immer erreichbar, und diese permanente Verfügbarkeit ist ein qualitativer Unterschied zur stationären Spielhalle, die zumindest räumliche und zeitliche Grenzen setzte.
Zweitens: die Gamification. Moderne Online-Casinos verwenden Mechaniken, die junge Erwachsene aus Videospielen kennen – Fortschrittssysteme, Ranglisten, tägliche Belohnungen, Erfolge und Challenges. Diese Elemente machen das Spielerlebnis dynamischer und erinnern weniger an ein klassisches Casino als an ein Mobile Game. Die psychologische Wirkung ist bekannt: Gamification-Elemente erhöhen die Verweildauer und die Rückkehrquote, weil sie zusätzliche Anreize über den reinen Geldgewinn hinaus schaffen.
Drittens: die Normalisierung durch soziale Medien. Wenn Sportwetten-Tipps auf Twitter geteilt, Casino-Sessions auf Twitch gestreamt und Gewinnfotos auf Instagram gepostet werden, verschiebt sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Glücksspiel. Was für ältere Generationen noch ein Stigma trug, ist für viele junge Erwachsene eine normale Freizeitbeschäftigung. Diese Normalisierung senkt die psychologische Hemmschwelle, das erste Mal Geld auf ein Spiel zu setzen – und genau an diesem Punkt beginnt für einige der Weg in problematisches Spielverhalten. Besonders problematisch sind dabei Streams und Posts, die ausschließlich Gewinne zeigen und Verluste verschweigen – sie vermitteln ein verzerrtes Bild, das die realen Risiken des Glücksspiels systematisch ausblendet und bei jungen Zuschauern unrealistische Gewinnerwartungen weckt.
Mentale Gesundheit und Risikobewusstsein junger Spieler
Die andere Seite der Statistik: 57% der Unter-35-Jährigen glauben, dass Glücksspiel einen negativen Einfluss auf die mentale Gesundheit haben kann. Das ist ein bemerkenswert hoher Wert – die Mehrheit der jungen Spieler ist sich der Risiken bewusst. Aber Bewusstsein und Handlung sind nicht dasselbe. Viele junge Erwachsene unterschätzen die Geschwindigkeit, mit der aus gelegentlichem Spielen ein problematisches Muster werden kann, besonders bei Online-Slots, wo die Frequenz der Einsätze hoch und das Feedback unmittelbar ist.
Die GGL hat auf diese Entwicklung mit Präventionsmaßnahmen reagiert, die sich direkt an junge Spieler richten. Die LUGAS-Einzahlungslimits von maximal 1 000 Euro pro Monat sind dabei ein zentrales Instrument: Sie begrenzen den finanziellen Schaden, den ein junger Spieler innerhalb kurzer Zeit anrichten kann. Die Pflichtpause von mindestens fünf Sekunden zwischen Spins bei Online-Automaten soll das Spieltempo drosseln und impulsive Entscheidungen reduzieren.
Ob diese Maßnahmen ausreichen, ist in der Fachwelt umstritten. Kritiker argumentieren, dass ein monatliches Einzahlungslimit von 1 000 Euro für einen jungen Erwachsenen mit einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt bereits eine erhebliche Summe ist – und dass die Regulierung differenziertere Limitsysteme braucht, die das Einkommen des Spielers berücksichtigen. Ein Berufseinsteiger, der 2 000 Euro netto verdient und 1 000 Euro im Monat ins Casino einzahlt, gibt die Hälfte seines Einkommens aus – das ist keine gesunde Freizeitgestaltung, sondern ein finanzielles Risiko, das das aktuelle Limitsystem nicht adressiert. Befürworter halten dagegen, dass jede Limitierung besser ist als keine und dass der regulierte Markt mit seinen Schutzmaßnahmen fundamental sicherer ist als der unregulierte Schwarzmarkt, der keinerlei Spielerschutz bietet.
Was mich als langjähriger Beobachter des Marktes besorgt: Die Diskussion konzentriert sich oft auf die Extremfälle – die Spielsüchtigen, die alles verlieren. Aber es gibt eine viel größere Grauzone von jungen Erwachsenen, die nicht spielsüchtig sind, aber regelmäßig mehr ausgeben, als sie sich leisten können, und die die schleichenden finanziellen und emotionalen Kosten ihres Spielverhaltens unterschätzen. Für diese Gruppe gibt es bisher zu wenig zielgerichtete Aufklärung. Die GGL sollte hier stärker investieren – nicht mit erhobenen Zeigefingern, sondern mit sachlicher Information über Wahrscheinlichkeiten, Erwartungswerte und die psychologischen Mechanismen, die Glücksspiel so wirksam machen.
Fragen zum Spielverhalten junger Erwachsener
Artikel
Erstellt von der Redaktion von „Blitzbank".